Angetrieben vom technologischen Fortschritt und der Verbreitung neuer Kommunikationsmöglichkeiten, bewegen wir uns auf eine immer komplexere Lebenswelt zu. Dieser Wandel hinterlässt seine Spuren auch in meinem Beruf als Presse-und Reportagefotograf. In der von grossen Verwerfungen betroffenen Medienbranche findet ein fundamentaler Veränderungsprozess statt. Welche Rolle dabei die Fotografie spielen wird, ist noch unklar. Es stellt sich jedoch die Frage, wie sich bei dieser enormen Bilderflut und dem ständigen Präsent-Sein auf mehreren Kanälen, die Wahrnehmung der Medienkonsumenten verändert. Gibt es noch Raum für Bilder, die eine Stimmung wiedergeben oder eine Geschichte erzählen? Oder wird die Fotografie einfach auf ihre Informations-und Dokumentationsfunktion degradiert? Diese Fragen und Entwicklungen wecken bei mir die Sehnsucht zum Einfachen und Elementaren zurückzukehren, aber auch die Fotografie wieder neu zu entdecken.

Mit der Lochkamera habe ich ein passendes Instrument gefunden. Die Schlichtheit und konzeptionelle Langsamkeit dieser Aufnahmetechnik stellt ein Gegenpol zu meiner bisherigen Berufswelt dar. Mit der Lochkamera fühle ich mich befreit! Frei vom engen Korsett der vielen Vorgaben, frei von kurzfristigen Abgabeterminen, frei von der technischen Perfektion wie sie im meinem Beruf immer verlangt wird. In diesem frei gewordenen Raum tauchen neue Themen auf.....

Die Lochkamera hat keinen Sucher und keine Linse. Der Bildausschnitt kann nur erahnt werden. Die fehlende Linse führt immer zu einer gewissen Unschärfe. Die Belichtung wird mit etwas Erfahrung zur Gefühlssache. Die Ergebnisse sind nicht vorhersehbar, dafür umso überraschender. Genau diese Eigenschaften verleihen den Bildern etwas Träumerisches, das an Malerei erinnert.
Diesen poetischen Effekt möchte ich weiterentwickeln. Geleitet von Intuition, Neugier und auch vom Zufall, suche ich auf meinen Streifzügen nach Farben, Strukturen und optischen Momentaufnahmen: Nach dem Besonderen im Gewöhnlichen, nach einer Ordnung im Durcheinander, nach der Tiefe unter der Oberfläche. In diesem meditativen Vorgang möchte ich Raum für das Absichtslose und Zufällige schaffen. Die archaische Kamera dient dabei als Speicher für Licht, Formen, Farben und Feinstoffliches.




Lochkamera-Fotografie

Eine Camera obscura besteht grundsätzlich aus einem lichtdichten Kasten oder Raum, in den durch ein schmales Loch das Licht einer beleuchteten Szene auf die gegenüberliegende Rückwand trifft. Auf der Rückwand entsteht dabei ein auf dem Kopf stehendes und seitenverkehrtes Bild dieser Szene.
Das Besondere an der von mir verwendeten Lochkamera - eigentlich eine kleine Holzschachtel mit einem Schieber für die Belichtung ist, dass ein Kleinbild-Rollfilm eingelegt werden kann. Dadurch sind mehrere Aufnahmen in Folge möglich. Ich arbeite mit Farbnegativ-Filmen. Die belichteten Filme lasse ich im Fotolabor entwickeln und scanne sie mit einem speziellen Kleinbild-Scanner ein. Die Bilddaten lasse ich dann als Finart-Prints, meist grossformatig ausdrucken.

Zuerst habe ich die Lochkamera wie eine normale Kamera benutzt. Es dauerte eine Weile bis ich mich von der gewohnten Vorgehensweise befreien konnte. Anstatt mir Überlegungen zur Motivauswahl, dem Bildausschnitt, des Bildaufbaus oder der Belichtung zu machen, habe ich angefangen der Intuition möglichst viel Raum zu geben. Trotz der simplen Bauweise der Kamera, lässt sich mit etwas Experimentierfreudigkeit allerhand damit anstellen.

Trotz langer Verschlusszeit fotografiere ich meist aus der freien Hand. Oft bewege ich die Kamera sogar absichtlich. Die daraus entstehende Bewegungsunschärfe führt zu einem dynamischen, surrealen Effekt.
Durch Mehrfachbelichtungen können mehrere Ebenen auf einem Negativ zusammengebracht werden. Manchmal schwenke oder verschiebe ich dabei die Kamera. Manchmal belichte ich das Negativ mehrmals an völlig unterschiedlichen Orten. So kann ich Farben, Formen und Strukturen "sammeln" und auf einem Negativ zusammenführen.
Bei einer anderen Technik klebe ich ein vorher mit der Lochkamera fotografiertes Negativ (farbig oder S/W) auf die Negativbühne der Kamera. Das belichtete Negativ ist als eine Art Maske direkt vor dem unbelichteten Film angebracht. Bei der Belichtung wandert nun das Licht erst durch das vorgelagerte Negativ und kreiert auf dem dahinterliegenden Film eine Abbildung. Das fotografierte Motiv und das Motiv auf dem vorgelagerten entwickelten Negativ vereinen sich nun auf der Filmoberfläche. Es entsteht ein Positiv auf einem Negativ!


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